MAGAZIN #31

Terra incognita

Der Fotograf Henrik Spohler zeigt uns die Welt, in der wir leben, wie sie aber kaum jemand kennt. Es sind Einblicke in die Maschinenräume der modernen Konsum- gesellschaft, gleichförmig und steril, in denen Technik ebenso wie Lebensmittel produziert werden

Text –

Christof Siemes

Fotos –

Henrik Spohler

So also hat die Zukunft mal ausgesehen: Graue Stahlkisten, in Reihen angetreten wie eine Armee kantiger Kampfroboter; die Lüftungsschlitze an der Stirnseite sehen aus, als hätte ihnen eine Maschine den Pony gekämmt. Fahle Metallspinde mit Türen wie Siebe, damit die schemenhaft erkennbaren Wesen im Inneren genug Luft bekommen. Auf den blitzblanken Fußböden leuchten bunte Kabel, in dicken Strängen ad absurdum geführte Ariadne-Fäden. Über allem ein graublauweißes Licht, so kalt, dass man allein beim Betrachten der Bilder nach der Daunenjacke tastet.

Was aussieht wie die Welt von HAL, dem Supercomputer aus Stanley Kubricks legendärer Weltraum-Odyssee »2001«, war mal die Wirklichkeit, wie Henrik Spohler sie sah, genau um jene Jahrtausendwende herum, über die Kubrick in seinem Film spekulierte. »0/1 Data Flow« heißt das Projekt des Fotografen, in dem er »Orte des Datenflusses« archivierte. Der Titel ist so doppeldeutig wie die Bilder selbst: Er meint den binären Code, in dem alles festgeschrieben ist, was Computer können. Er meint aber auch ein Datum, den Beginn des neuen Jahrtausends, als allenthalben grenzenloser Optimismus herrschte, die erste Internet-Blase noch nicht geplatzt war und die New Yorker Türme noch standen. Die Idee, sich von der Zukunft ein Bild zu machen, war Henrik Spohler in seinem Hamburger Atelier gekommen, beim Anblick des Kabelsalats in einem Regal. »Wir können in Bruchteilen von Sekunden jedes denkbare Bild vom anderen Ende der Welt anschauen. Aber wir haben keine Bilder von der Welt, in der diese Bilder entstehen, herumreisen, archiviert sind«, sagt er. Also machte er sich auf zu einer Expedition in die Hardware hinter dem Cyberspace, in die Welt der Internet-Knotenpunkte und Serverfarmen.

Was man sonst nicht sieht: Henrik Spohler öffnet die Tür in die versteckte Welt der Bits und Bytes, der surrenden Industrie-Farmen.

Was man sonst nicht sieht: Henrik Spohler öffnet die Tür in die versteckte Welt der Bits und Bytes, der surrenden Industrie-Farmen. Foto: Henrik Spohler

So exakt dokumentierte er jene Orte, dass sich bei Bedarf noch die Größe der Schrauben am äußersten Rand bestimmen ließe. Und doch sind die Bilder ortlos, solche Räume gibt es überall, nicht nur in Deutschland und Holland, wo Spohler seine Exemplare fand. Deshalb tragen die Bilder auch keine Titel, sondern lediglich Nummern. Und so übervoll der Cyberspace zu sein scheint, so leer wirken seine Maschinenräume. In ihnen ist alles und nichts zugleich, das Weiß der Stahlschränke verliert sich im weißen Nirvana des Bildrands.

»Ich will nicht den vergänglichen Augenblick festhalten, sondern das Unvergängliche«, sagt Spohler. Und so stellte er sich in seinem nächsten Projekt konsequenterweise die Frage, ob diese futuristischen Unorte vielleicht doch so etwas wie ein Seele haben. »Global Soul« heißt der Zyklus aus rund 50 Bildern, in dem Spohler die moderne Arbeitswelt auf die Couch legte. Eine fotografische Psychoanalyse von High-Tech-Produktionsstätten, in denen der Mensch herstellt, was er für sein Dasein braucht: Autos, Flugzeuge, Computerchips, Tabletten, Pizza, Bier. Sechs Jahre brauchte er für die Analyse, kreuz und quer durch Deutschland reiste er dafür, vom Airbus-Werk in Hamburg über die VW-Fließbänder in Wolfsburg bis hinein in die Innereien einer Heidelberger Druckmaschine. Auch hier bedeutete die gnadenlose Präzision der Bilder mehr als pure Dokumentation. Sie enthüllen ein Prinzip – die Fabrik als Quellort der Moderne, als »eiserner Uterus« (Bazon Brock), der unaufhörlich etwas gebiert. Die Serie endet mit einer Aufnahme, die Assoziationen an Brutkammern hervorruft (in Wahrheit werden hier Pressformen für CDs hergestellt).

In Reih und Glied: Die genmanipulierten Reispflanzen werden automatisch auf Förderbändern bewegt, um ihr Wachstum zu kontrollieren.

In Reih und Glied: Die genmanipulierten Reispflanzen werden automatisch auf Förderbändern bewegt, um ihr Wachstum zu kontrollieren. Foto: Henrik Spohler

Der scheinbar emotionslose, analytische Blick sei immer sein Ding gewesen, seit er bei einem Förderkurs an seinem Bremer Gymnasium erstmals mit Fotografie zu tun bekam, erzählt er. »Ich fahre das Anekdotische, Narrative bewusst zurück.« In seinen sechs Studienjahren an der Folkwanghochschule perfektionierte er diese Art, die Welt zu sehen; mitterweile ist er selbst Professor und fordert nun von seinen Studenten an der HTW Berlin, streng mit sich und ihren Motiven zu sein. Das ist in erster Linie keine Frage der Technik. Die Akkuratesse, mit der er seither jede Aufnahme minutiös vorbereitet, ist nur sein Schutzschild vor Leichtfertigkeit und unüberlegten Schnellschüssen. Durchaus mit Stolz berichtet Spohler von einer Kunstvereinsdirektorin, die solche Bilder nicht zeigen wollte: zu kühl, sagte sie, das könne sie ihrem Publikum nicht zumuten. »Mehr kann ich nicht erreichen«, findet der Fotograf. Dabei ist die kalte Schärfe der Bilder nur eine Falle, in die Spohler den Betrachter lockt. Alles scheint eindeutig, aber was sehen wir überhaupt? Die Rückseite eines Solargenerators für Satelliten – oder die Songlines australischer Ureinwohner? Einen Braukessel – oder nicht doch eine Jurte aus Stahl für die Mongolen der Zukunft? Untergründig stecken seine Bilder durchaus voller Emotionen: Neben dem latenten Humor ist da unstillbare Neugier, dazu Begeisterung für die Perfektion der Hochtechnologie (in der der pedantische Arbeiter etwas wie eine Seelenverwandte gefunden zu haben scheint), und schließlich auch eine Form von Engagement. Darauf legt Henrik Spohler wert: »Auch wenn Menschen auf meinen Bildern nur selten vorkommen – alle meine Projekte sind gesellschaftlich motiviert.« Am deutlichsten wird das an seinem dritten großen Projekt, »Der dritte Tag«. Es erzählt vom Verhältnis zwischen Mensch und Natur im Zeitalter von Gentechnik und industrialisierter Landwirtschaft. Auch hier stand am Anfang eine zufällige Beobachtung: das in einem Glasquader ausgestellte Ziergrün am Züricher Flughafen. Was sagt das eigentlich, wenn wir Pflanzen nur noch in einem Schneewittchensarg zumutbar finden? Das eigentlich belanglose Bild, einmal richtig gesehen, öffnet eine Falltür in ein Reich des Kontrollwahns, der Sehnsucht nach Pflegeleichtigkeit und Optimierbarkeit. Von dort war es für Spohler nur ein Schritt zum Uniformzwang der Baumschulen und jenen Gewächshausmondlandschaften, in denen es nie kalt und nie Nacht wird, damit die Pflanzen pausenlos wachsen und die Regale der Supermärkte zu jeder Jahreszeit voll sind mit allen erdenklichen Früchten der Erde.

Ei-Tech: Die eiförmigen Behälter hat EADS Space in Bremen ausgebrütet, um sie in den Weltraum zu schießen. Es sind Treibstofftanks.

Ei-Tech: Die eiförmigen Behälter hat EADS Space in Bremen ausgebrütet, um sie in den Weltraum zu schießen. Es sind Treibstofftanks. Foto: Henrik Spohler

Wie bei den vorangegangenen Arbeiten standen auch am Anfang dieses Projekts umfangreiche Recherchen: 20000 Fotos von den Auswüchsen der US-Landwirtschaft pflügte Spohler durch, um eine Idee für das 20001., noch nicht gesehene Bild zu bekommen. »Diese Vorabrecherchen gehören genauso zum Projekt wie die fertigen Bilder.« Bodenpläne und Satellitenkarten hat er studiert, um in der Wüste der Monokulturen das eine Motiv zu finden, in dem das Thema auf den Punkt kommt. Dem Fleißigen hilft dann mitunter der Zufall, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. In jenem Moment zum Beispiel, wenn in einem der endlosen Gewächshäuser am frühen Morgen automatisch die Rollos hochgehen. Spohler zeigt den Moment als groteske Epiphanie: Ein strenges Lichtemissionsschutzgesetz fordert die nächtliche Verdunklung der stets hell strahlenden Zuchtbatterie, und wenn sich der Vorhang am Ende der Nacht langsam hebt, lodert das gelbe Licht, als würde die Gegend mit Napalm bombardiert. Hier entfaltet das Wort Morgengrauen seine ganze Ambivalenz, und aus dem rein dokumentarischen Foto wird ein Statement. »Diese vergifteten Mischlichtsituationen haben mich interessiert«, sagt der Fotograf, der seine Lebensmittel am liebsten beim Biobauern kauft. »Sie sind ein gutes Mittel, um garstig sein zu können.«

Er hat sich auch hineingewagt in die Pflanzenfabriken und Labore, in denen sich der Mensch zum Schöpfer aufschwingt. Wo Tomaten keine Erde, sondern nur noch Steinwolle zum Wachsen brauchen. Wo am Erbgut von Reis so lange herumgefummelt wird, bis der Pflanze nichts und niemand mehr etwas anhaben kann. »Hier spielt der Mensch Gott und simuliert die natürliche Selektion nach rein monetären Kriterien«, sagt Spohler, und bei aller Faszination für diese hochkomplexe Selbstermächtigung, die ihm beklemmende Bilder beschert – diesen Umgang mit der Natur findet der Fotograf schlicht falsch. »Was passiert denn mit solchen transgenen Pflanzen, wenn sie ins natürliche Ökosystem kommen? Das ist doch unkontrollierbar!«

Nur noch in Steinwolle verwurzelt: Eine wie die andere wachsen die Tomaten im geregelten Klima eines Hochleistungs-Gewächshauses.

Nur noch in Steinwolle verwurzelt: Eine wie die andere wachsen die Tomaten im geregelten Klima eines Hochleistungs-Gewächshauses. Foto: Henrik Spohler


Schon die Bilder aus der Serie »Global Soul« hatten einen kapitalismuskritischen Unterton, verwiesen mit ihrem gleichgültigen Neonlicht, den zu abstrakten Strukturen gerinnenden Maschinen auf die Unmenschlichkeit der modernen Industrie. Auch der Titel konnte polemisch gelesen werden: Diese kalte Welt der Schrauben, Muttern, Reinräume sollte beseelt, gar die Weltseele selbst sein? »Der dritte Tag« wird noch deutlicher. Schon die Anspielung auf jenen Schöpfungsmoment, in dem Gott Gras, Kraut und Frucht tragende Bäume auf der Erde aufgehen lässt, unterhöhlt den Machbarkeitswahn des Menschen. Und beim Anblick all der optimierten Setzlinge und Turbopflanzen unter künstlichen Sonnen und einem Himmel aus Plastik schnürt es dem Betrachter dann doch die Kehle zu.

Offenbar ist die Menschenleere der Bilder nur schwer auszuhalten. Aber sie ist notwendig. »Gerade durch seine totale Abwesenheit will ich den Menschen ins Bild holen – als Betrachter«, sagt Spohler. »Er soll selbst kreativ werden vor diesen oszillierenden Räumen.« Ob er sich dabei vor den Allmachtsfantasien dieser Kunst-Natur gruseln oder ihren Einfallsreichtum bewundern soll, bleibt in den Bildern offen. Sie sind unideologisch, »ich will nur ein Unbehagen zum Thema machen«. Schließlich hat es ja auch seine guten Seiten, wenn immer weniger Menschen für einen Hungerlohn auf dem Acker schuften müssen.

Henrik Spohlers vermeintlich objektiver Blick ist eben nicht neutral, sondern stellt beklemmende Ambivalenzen her. Er zeigt die Perfektion, mit der der Mensch sich die Erde untertan macht – und im gleichen Moment die Perversion, die darin liegt. Er nimmt die Schönheit des Seriellen in den Riesengewächshäusern bewundernd in den Blick – und hat in den hochauflösenden Bildern zugleich eine Kreuzspinne im Visier, die unbeirrt tut, was die Natur ihr gebietet: Inmitten dieser künstlichen Welt spannt sie zwischen den Tomatensoldaten ein Netz. Was das Bessere, Natürlichere, Menschlichere sei, kann und will der Fotograf nicht sagen. Er, der Penible, Unbestechliche, hält es lieber mit einem Exzessiven, dem Schockrocker Marilyn Manson. »Der hat mal gesagt, dass Kunst keine Antworten gibt, sondern nur Fragen stellt.« Wer später einmal wissen will, wie am Beginn des 21. Jahrhunderts die Gegenwart der Zukunft aussah, muss sich nur den Fragen in Henrik Spohlers Bildern stellen.

Zur Person
Henrik Spohler

wurde 1965 in Bremen geboren. Er studierte Kommunikationsdesign an der Folkwangschule in Essen und arbeitet seit 1994 als freischaffender Fotograf in Hamburg für Magazine wie Geo, Mare, SZ Magazin und Zeitmagazin.

Die Arbeit in der Unternehmenskommunikation und Werbung – darunter Firmen wie DaimlerChrysler, Deutsche Bank, Siemens und RWE – inspirierte ihn zu seinen freien Arbeiten. Spohlers Fotografien sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Seine Repräsentanz hat Katinka Krieger übernommen.

Seit 2009 widmet er sich der Lehre. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin unterrichtet Spohler als Professor Fotografie. Er lebt in Hamburg.

Ausstellungen und Preise
Neben zahlreichen Einzelausstellungen waren Spohlers Arbeiten auch im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, und im Fotomuseum Winterthur zu sehen. Er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Reinhart-Wolf-Preis, dem BFF Förderpreis und dem Europäischen Preis für Architekturfotografie.

Bücher
0/1 Data Flow
Edition Braus
ISBN 3-89904-124-0

Global Soul
Peperoni Books
ISBN 978-3-9809677-9-2

www.henrikspohler.de


Christoph Siemes
studierte Germanistik, Philosophie und unstgeschichte. Der Absolvent der Henri-Nannen-Schule ist stellvertretender Ressortleiter Feuilleton bei Die Zeit.