MAGAZIN #26

Weltniveau oder Einheitsbrei?

Bislang prägen besondere Persönlichkeiten oder spezielle Schwerpunkte das eigene Profil fotografischer Ausbildung in Deutschland. Droht durch die internationale Vereinheitlichung auf Bachelor- und Master-Studien­gänge nun die Verflachung?

Text –

Ditmar Schaedel

Seit der Einführung des europaweiten Bologna Prozesses spaltet sich die Hochschulgemeinde in zwei Lager. Die Befürworter und die Gegner bewerten das Potenzial und die Gefahren dieser fundamentalen Umstellung und Vereinheitlichung der Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen in Bachelor- und Masterabschlüsse völlig unterschiedlich. In Deutschland wurde bisher knapp über die Hälfte der Studienangebote neu strukturiert und den Anforderungen angepasst, andere Hochschulen wiederum zögern bei der Umstellung noch. Gut 40 Prozent der Bachelor/Master Studiengänge haben erfolgreich eine Akkreditierung abgeschlossen.

Dort wo neue Studiengänge konzipiert wurden, war die Entwicklung von Modulhandbüchern, Creditpoint-Systemen und Studienkonten nötig. Vielerorts wurde der Wechsel durch den Generationenwandel bei den Dozenten begünstigt. Die Umstellung bei Studiengängen mit traditionell gewachsenen Strukturen fällt manchen Hochschulen aber oft nicht leicht und bedeutet zumindest in der Übergangszeit eine deutliche Mehrbelastung durch parallele Studienangebote und einen erhöhten Verwaltungsanteil.

Positive Stimmen aus dem Pro-Lager betonen hierzulande die Flexibilität für Studierende. Sie hätten die Möglichkeit an internationalen Institutionen ein ähnlich strukturiertes Studium zu absolvieren. Außerdem bestünde die Möglichkeit, auf den berufsqualifizierenden Bachelor einen wissenschaftlich ausgerichteten Master mit Schwerpunktsetzung aufzusetzen. Das stärke die Fachhochschulen, da sie durch den Master mit den Universitäten gleichgestellt seien. Weiterhin sei das Bachelorstudium durch die straffere Struktur effektiver und schneller und würde anteilig mehr Studierende zum Abschluss führen.

Gegner der neuen Regelung kritisieren den enorm gewachsenen Verwaltungsaufwand für die Lehrenden, die stärkere Verschulung und Vereinheitlichung. Selbständiges Lernen werde weniger verlangt. Durch die ständigen, abschlussrelevanten Prüfungen werde kurzfristiges Wissen gefördert – zulasten dauerhafter Qualifizierung. Zudem sei der Master nur für einen Teil der Bachelorabsolventen möglich, denn hier stehen deutlich weniger Plätze zur Verfügung. Bisher sei eine gute Diplomarbeit die wichtigste Basis für die Bewerbung um Jobs und somit für den erfolgreichen Einstieg in die Berufstätigkeit gewesen. Angesichts der Perspektive auf eine freie Tätigkeit wird den Bachelor-Studierenden diese Möglichkeit zur Profilierung stark eingeschränkt. Der Grund: die verkürzte Studienzeit und Dauer der Abschlussphase.

Die Einhaltung der Bologna-Kriterien ist Voraussetzung für die internationale Anerkennung, die durch die Akkreditierung einer mehrköpfige Kommission erfolgt. Für Studiengänge, die in der Fotografie ausbilden oder Fotografie zum Schwerpunkt haben, stellt sich die Herausforderung der Einhaltung in mehrfacher Hinsicht.

Bisher waren viele Studiengänge mit einem besonderen und häufig auch einzigartigen Profil in der Hochschullandschaft präsent. Ob eher Bildjournalismus oder Werbefotografie, ob ein ausgeprägter künstlerischer Schwerpunkt oder eher an technischen Verfahren orientiert. Die Umstellung verhindert – oder erschwert zumindest – die in der beispiellos dichten Hochschullandschaft Deutschlands notwendige Profilierung. Die Besonderheit eines Studienortes, bedingt durch lange Tradition, personelle Konstellationen oder auch durch Partnerschaften in der Region, droht durch Nivellierung zu verwässern oder ganz zu verschwinden.

Umfragen haben ergeben, dass aber häufig gerade diese Besonderheiten für Studieninteressierte entscheidend bei der Wahl des Studiengangs sind. Schließlich wissen sie, dass besonders in der Fotografie Individualität eine wichtige Rolle spielt – und die zu entwickeln, benötigt Zeit. Braucht die Medienbranche universelle Generalisten, die sich in der wandelnden Medienwelt schnell auf ein neues Berufsbild einstellen können? Oder sind Experten mit spezieller Qualifikation gefragt?

Angesichts des aktuellen Paradigmenwechsels hin zu digitalen Verfahren haben die Hochschulen eine erhöhte personelle und finanzielle Belastung zu stemmen. Die Entwicklung notwendiger neuer Lehrkonzepte macht die Einführung von Bachelor/Master zu diesem Zeitpunkt nicht leichter.

In den letzten Jahren haben sich weiterhin durch einen Wandel der Anfor­derungen aus der Industrie und anderen Berufsfeldern erhebliche Änderungen in den Studienangeboten ergeben. So haben sich zu den traditionellen fotografischen Ausbildungswegen viele differenzierte Angebote in Kombination mit Publizistik, Kommunikationsdesign und -wissenschaft mit vielen Studienmöglichkeiten innerhalb der modernen Medien entwickelt. Hier ist die Profilbildung besonders wichtig, um den neuen Anforderungen in vielfältigen Berufsfeldern gerecht zu werden und den Absolventen eine reelle Chance auf Anstellung und eine erfolgreiche Berufstätigkeit zu bieten.

Für Interessierte an einem Studium heißt es in dieser Situation, ein besonderes Augenmerk auf die jeweiligen Bedingungen an den in Frage kommenden Hochschulen zu richten. Ob der Studiengang schon umgestellt ist, ob eine Akkreditierung vorliegt, welche personellen oder strukturellen Änderungen in den kommenden Jahren noch absehbar sind? Solche Fragen zur Umstellung auf die zweiteiligen Studiengänge sollten möglichst umfassend geklärt werden. Der tatsächliche Anteil der Fotografie in den Studienangeboten und die inhaltliche Ausrichtung lassen sich nur durch intensives Studium der Prüfungsordnungen und aus den Modulhandbüchern entnehmen.

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Ditmar Schaedel
ist Fotograf und Dozent für Kunst und Gestaltung an der Universität Duisburg-Essen. Bei der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) fungiert er als Vorsitzender der Sektion Bildung und Weiterbildung.