MAGAZIN #07

Zurück in die Zukunft III

Die fotografischen Konfusionen in der Kunst von Matthias Wähner

Text –

Annette Venebrügge

Zeitschriftenfotos bebildern das kollektive Gedächtnis. Der Anblick des vor einem Napalmangriff flüchtenden Mädchens löst bei jedermann die Erinnerung an den Vietnamkrieg aus. Erst die daran anknüpfenden, aus der eigenen Biographie abgeleiteten Interpretationen verwandeln den betrachtenden Jedermann in ein bewertendes Individuum. Die häufig reproduzierten und oft gesehenen fotografischen Zeugnisse setzten sich dann als Teil des imaginären privaten Photoalbums im eigenen Gedächtnis fest.

Matthias Wähner benutzt solche kollektiven Abziehbilder. Aus dem Quick-Archiv im Münchener Fotomuseum wählte er 40 Motive aus und montierte per digitaler Technik sein eigenes, zum »Mann ohne Eigenschaften« typisiertes Jedermann-Ich in die Bilder hinein. Obwohl die Bildchronik vier Jahrzente umfaßt und damit in etwa seiner eigenen Lebenszeit entspricht, ist der einmontierte Künstler immer mittleren Alters, immer unauffällig korrekt gekleidet und in dieser Neutralität ein perfektes Identifikationsangebot an den Betrachter.

Über die Projektionsfläche des Unbekannten neben der auf den Fotos versammelten Prominenz tritt der Betrachter selbst in den Zusammenhang zwischen privater und öffentlicher Geschichte ein. Die Montage der mit Matthias Wähner im Park spazierenden Brigitte Bardot zeigt den Filmstar als jemanden, der zum Bekanntenkreis des Künstlers gehört. Obwohl dies absurd ist, ist es richtig, denn wer würde schon auf die Frage »Kennen Sie B.B.?« mit nein antworten. In unserem Bildarchiv an Erinnerungen ist die Bardot gleichberechtigt neben unserer Tante Berta abgespeichert, weil wir die fotografierten Abbilder für wahr zu halten gelernt haben. Und weil wir trotz des Mißtrauens angesichts der inflationären Bildmanipulationspraxis doch immer wieder bereit sind, Fotos für wahr zu halten, irritieren Wähners Montagen. Die vordergründig albernen Rollenspiele jonglieren mit unseren Sehgewohnheiten und erzeugen eine subversive Konfusion aus widersprüchlichen Wirklichkeits- und Wahrnehmungsebenen.