Schwerpunktthema

Als hätte der englische Fotograf Francis Meadow Sutcliffe schon 1890 an eventuelle Probleme mit den Persönlichkeitsrechten gedacht, als er die neugierigen Jungs nur von hinten fotografierte.

Als hätte der englische Fotograf Francis Meadow Sutcliffe schon 1890 an eventuelle Probleme mit den Persönlichkeitsrechten gedacht, als er die neugierigen Jungs nur von hinten fotografierte. Foto: Francis Meadow Sutcliffe

Street Photography

Das Leben findet auf der Straße statt

Das, was nicht fotografiert wurde, hat nicht stattgefunden. Jedes Ereignis wird heute von Privatpersonen fotografiert oder gefilmt und jeden Tag werden über 100 Millionen dieser Fotos allein in die sozialen Netzwerke hoch geladen. So entsteht – das Internet vergisst nichts – eine private Dokumentation unserer Zeit. Zwar sind diese Fotos vielfach banal – aber morgen werden sie ein umfassendes Bild unseres Alltags zeigen. Denn die Chronistenpflicht, der früher zum Beispiel auch Tageszeitungen nachgekommen sind, ist aufgehoben worden. Seit der ersten Medienkrise beschränken sich Zeitungen auf die fotografische Dokumentation von Scheckübergaben und Jubiläen bis hin zum künstlichen Lifestyle und die Anleitung für die hundertste Diät. Anzeigenkunden diktieren die Inhalte und damit indirekt auch in weiten Teilen die visuelle Geschichtsschreibung in den Printmedien.

Die professionellen Fotografen, die einen besonderen gestalterischen und aufgeklärten Blick auf unsere Gesellschaft werfen, haben es dagegen immer schwerer. Zu groß ist die Angst der abgebildeten Personen, vor dem, was mit den Fotos geschieht und in welchen Zusammenhängen diese veröffentlicht werden könnten. Und sie wehren sich vielfach und berufen sich auf ein Gesetz von 1907, dass die Kernaussage trifft: »Bildnisse dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden.«

Im Gegensatz zu Ländern wie den USA oder Großbritannien, in denen jeder, der sich im öffentlichen Raum bewegt, damit rechnen muss, fotografiert und veröffentlicht zu werden, ist in Deutschland – mit wenigen Ausnahmen – grundsätzlich die Einwilligung der abgebildeten Personen für eine Veröffentlichung vonnöten. Da diese vielfach nicht erteilt wird oder es praktisch nicht möglich ist, diese einzuholen, muss der Fotograf entweder das Risiko eingehen, verklagt zu werden oder gleich auf die Aufnahme verzichten.

Lewis Hine hatte Anfang des 20. Jahrhunderts beim Kampf gegen die Kinderarbeit auch ohne »Model Release« schon genug Hindernisse zu überwinden, um die furchtbaren Zustände in den USA zu dokumentieren. Auch wenn es erst 1938 in den USA zu einer wirksamen Regelung gegen Kinderarbeit kam – Fotos wie dieses von dem 5-6 Jahre alten Zeitungsjungen Freddie Kafer in Sacramento aus dem Jahr 1915 haben dazu beigetragen, das Thema öffentlich zu machen.

Lewis Hine hatte Anfang des 20. Jahrhunderts beim Kampf gegen die Kinderarbeit auch ohne »Model Releases« schon genug Hindernisse zu überwinden, um die furchtbaren Zustände in den USA zu dokumentieren. Auch wenn es erst 1938 in den USA zu einer wirksamen Regelung gegen Kinderarbeit kam – Fotos wie dieses vom Zeitungsjungen Freddie Kafer in Sacramento aus dem Jahr 1915 haben dazu beigetragen. Foto: Lewis Hine

Wenn Fotografen angesichts von Sanktionen die »Schere« bereits im Kopf haben und darum gleich von Aufnahmen absehen, findet schleichend ein Verlust des visuellen Gedächtnisses unserer Zeit statt. Die heute posthum gefeierte Vivian Maier wäre in Deutschland mit Klagen überzogen worden und hätte sicherlich ihr Hobby schnell aufgegeben – und wir hätten diese großartigen Fotografien niemals zu Gesicht bekommen.

FREELENS ist der Meinung, dass die aktuelle Gesetzgebung und Rechtsprechung zum Thema Persönlichkeitsrecht überholt ist. Wenn schon das alltägliche Hochladen von Millionen Fotos einen vielfachen Rechtsbruch darstellt, muss die Gesellschaft darüber diskutieren, die Gesetzgebung der Wirklichkeit anzupassen, wie sie das schon oft in anderen Fällen getan hat. Ein 109 Jahre altes Gesetz passt einfach nicht mehr in unsere heutige digitale Welt.

FREELENS wird sich daher mit vielen Fragen der Street Photography intensiv auseinandersetzen und in losen Folgen auf seiner Webseite veröffentlichen. Angefangen mit den historischen Wurzeln der Street Photography um 1877 über die Definition der heutigen Street Photography bis hin zu Google Street View reicht die Themenbandbreite, die von renommierten Autoren beleuchtet wird.

Auch wollen wir klären, welche länderspezifischen und teils erheblichen unterschiedlichen Rechtslagen es gibt und welche Konsequenzen daraus für Fotografen und abgebildete Personen entstehen.

Und auch die Kernfragen, welche Errungenschaften und welches kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft verloren gehen, wenn die Street Photography in Deutschland nur noch eingeschränkt stattfinden wird, werden wir versuchen, zu beantworten.

Abschließend werden wir Modelle aufzeigen, das Persönlichkeitsrecht in seiner jetzigen Form weiterzuentwickeln und den heutigen gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen.

Die Fotografie selbst wird natürlich auch nicht zu kurz kommen. So werden wir die Street Photography in vielfältiger Weise präsentieren und die Fotografen zu ihren Arbeiten befragen.

Möchten Sie dieses Thema kommentieren? Unter erreichen Sie uns.