Ein Jahr Pegida

19. Oktober 2015: Pegida feiert sich in Dresden selbst. Die Polizei bleibt am Rand des Geschehens.

19. Oktober 2015: Pegida feiert sich in Dresden selbst. Die Polizei bleibt am Rand des Geschehens. Foto: Roland Geisheimer / attenzione

Roland Geisheimer

Freie Berichterstattung unmöglich

Eine Woche nach der Aufforderung, die Bundeskanzlerin und ihren Stellvertreter am Galgen aufzuhängen und zwei Tage nach dem rassistisch motivierten Mordanschlag auf die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker, haben sich gestern erneut tausende Anhänger der Pegida-Bewegung auf dem Dresdner Theaterplatz versammelt. Galt es doch, den ersten Geburtstag zu begehen. Um von den »Feierlichkeiten« zu berichten, habe auch ich mich für die Süddeutsche Zeitung nach Dresden begeben.

In den vergangenen 12 Monaten habe ich immer wieder über Pegida und deren Ableger in diversen Städten berichtet. Dass der Ton auf den fremden- und islamfeindlichen Demos rauer wurde, ist kein Geheimnis. Im vergangenen Jahr hat sich das Aggressions- und Gewaltpotenzial auf diesen Kundgebungen und Demonstration gewandelt. Okay, schon im Januar hatte man ein ungutes Gefühl, wenn man durch tausende »Lügenpresse halt die Fresse« und gelegentlich auch »… auf die Fresse« rufende Demonstranten ging. Aber das Gefahrenpotenzial war kalkulierbar und nicht allzu hoch.

Solange es hell ist, beschränken sich die Pegida-Anhänger noch auf verbale Entgleisungen.

Solange es hell ist, beschränken sich die Pegida-Anhänger noch auf verbale Entgleisungen. Foto: Roland Geisheimer / attenzione

Gestern, am 19. Oktober 2015, und somit ein Jahr nach der ersten Pegida-Demo, dann ein neues Bild. Die verbalen Ausfälle sind deutlicher geworden, Gespräche mit den Demonstranten kaum noch möglich. »Medienhure«, »Lügenpresse« und der auch im Nationalsozialismus geprägte Begriff »Volksverräter« sind allgegenwärtig. Und zu den verbalen Aggressionen ist nun auch eine massive physische Bedrohung gekommen. Kaum hatte ich mich gestern auf den Theaterplatz zu den Demonstranten begeben, wurde ich vor allem von jungen, offensichtlich aus dem militanten Neonazi- und Hooligan-Spektrum stammenden, Kundgebungsteilnehmern angegangen. Anfangs, als es hell und der Platz nur mäßig gefüllt war, konnte man noch ein paar Bilder machen – später in der Dunkelheit ging das nicht mehr. Ich bekam Schubse und auch Tritte zu spüren, gepaart mit der Ansage, dass ich mich sofort verpissen solle, wenn ich heil nach Hause kommen wolle.

Nach zwei weiteren vergeblichen Versuchen, an anderen Stellen des Platzes Bilder zu machen, beschloss ich, das Vorhaben abzubrechen. Der große Platz war in der Dunkelheit nicht überschaubar und selbst wenn dies anders gewesen wäre: am Rande der Kundgebung standen eindeutig zu wenige Polizeibeamte. Mit zwei Beamten suchte ich das Gespräch. Sie rieten mir davon ab, auf den Platz zu gehen, denn einen Schutz könnten sie nicht gewährleisten.

Das Fazit nach einem Jahr Pegida: War es am Anfang schon nicht leicht, von den rassistischen Versammlungen zu berichten, so ist heute ein freier und ungehinderter Zugang zu diesen schlicht unmöglich. Das Risiko, dabei die körperliche Unversehrtheit aufs Spiel zu setzen, ist einfach zu groß – wie auch andere Meldungen zu der letzten Pegida-Veranstaltung verdeutlichen. So hat u.a. Reporter ohne Grenzen die gewalttätigen Übergriffe auf Journalisten verurteilt. Die sächsische Polizei kann oder will die öffentliche Sicherheit und Ordnung für Journalisten nicht umfänglich gewährleisten. Der Artikel 5 Grundgesetz ruht montagabends in der Landeshauptstadt Sachsens.

Roland Geisheimer