Fotobuch

Bei der Ankunft im Gefängnis von Tuol Sleng wurden die Gefangenen fotografiert und mussten detaillierte Autobiografien angeben. Danach wurden sie gezwungen, sich auszuziehen und ihr Hab und Gut wurde beschlagnahmt. Ein Dokument des Oberbefehlshabers hatte folgende Anmerkung an der Unterseite: »Heute haben wir auch 160 Kinder getötet von insgesamt 178 Gegnern.«

Bei der Ankunft im Gefängnis von Tuol Sleng wurden die Gefangenen fotografiert und mussten detaillierte Autobiografien angeben. Danach wurden sie gezwungen, sich auszuziehen und ihr Hab und Gut wurde beschlagnahmt. Ein Dokument des Oberbefehlshabers hatte folgende Anmerkung an der Unterseite: »Heute haben wir auch 160 Kinder getötet von insgesamt 178 Gegnern.« Foto: Ann-Christine Woehrl

Ann-Christine Woehrl

Shaded Memories

Unter der Diktatur Pol Pots und der Roten Khmer wurden in nur vier Jahren fast zwei Millionen Menschen umgebracht. Das ist ein Viertel der Bevölkerung Kambodschas. Das künstlerische Fotoprojekt »Shaded Memories« dokumentiert die Spuren dieser dunklen Geschichte Kambodschas zwischen 1975 bis 1979. Die Fotografien von Ann-Christine Woehrl zeigen – in einer sehr persönlichen Reflexion dieses Genozids – Fotofragmente jener Orte, die an das Grauen erinnern: das ehemalige S-21 Gefängnis, die Killing Fields, das UN-Tribunal in Phnom Penh und Anlong Veng, die Hochburg der Khmer Rouge und Grabstätte von Pol Pot.

Das handschriftliche Geständnis des Gefangenen Chum Mey, einer der wenigen Überlebenden. Im Buch »Shaded Memories« erzählt er seine Lebensgeschichte. Der Mechaniker überlebte nur, weil die Folterer und Gefängniswächter ihn brauchten, um Maschinen zu reparieren. Er überlebte die Folter, verlor jedoch seine Frau und Kinder.

Das handschriftliche Geständnis des Gefangenen Chum Mey, einer der wenigen Überlebenden. Im Buch »Shaded Memories« erzählt er seine Lebensgeschichte. Der Mechaniker überlebte nur, weil die Folterer und Gefängniswächter ihn brauchten, um Maschinen zu reparieren. Er überlebte die Folter, verlor jedoch seine Frau und Kinder. Foto: Ann-Christine Woehrl

Ann-Christine Woehrl reiste erstmals im Jahr 2013 nach Kambodscha, um das Gefängnis S-21, das heutige Tuol Sleng Genocide Museum, in Phnom Penh zu besuchen. Damals ein Ort des Schreckens und der Gewalt, ist das Geschehen noch immer in den Räumen zu spüren und spiegelt sich in den Gesichtern der Gefangenen. Frauen, Männer und Kinder wurden bei ihrer Inhaftierung porträtiert, diese Porträts hängen heute an den Wänden des Gefängnisses. Bei ihrem ersten Besuch verfolgten die Fotografin die Blicke der porträtierten Gefangenen durch die ehemaligen Gefängniszellen, die Verhörräume, das Dokumentationszentrum, durch das Archiv hindurch.

Das Porträt einer Gefangenen, auf einem Stuhl sitzend, der ihren Kopf gerade hielt. Die Frauen wurden manchmal von den Befragten vergewaltigt, obwohl sexueller Missbrauch gegen die Ideologie der Demokratischen Kampuchea (DK) Politik war.

Das Porträt einer Gefangenen, auf einem Stuhl sitzend, der ihren Kopf gerade hielt. Die Frauen wurden manchmal von den Befragten vergewaltigt, obwohl sexueller Missbrauch gegen die Ideologie der Demokratischen Kampuchea (DK) Politik war. Foto: Ann-Christine Woehrl

Diese Erlebnisse führten bei Ann-Christine Woehrl zum Bedürfnis und waren für sie Aufforderung, sich – in Form einer sehr persönlichen Reflexion und Spurensuche – mit der dunklen Geschichte Kambodschas zur Zeit des kommunistischen Pol Pot-Regimes zu befassen. 2015 bis 2016 realisierte und finalisierte Ann-Christine Woehrl ihr Projekt. Dabei waren die Begegnungen mit dem kambodschanischen Schriftsteller und Filmregisseur Rithy Panh und der Schriftstellerin und Aktivistin Loung Ung sowie deren autobiografische Bücher »Auslöschung« und »First They Killed My Father« prägsam für sie.

Die Texte hat Ann-Christine Woehrl zusammen mit Rithy Panh, Anne-Laure Porée und Stéphanie Benzaquen-Gautier erarbeitet: Das Foto als Instrument in der Zeit der Roten Khmer und als Spur des Genozids heute. Chum Mey, einer der sieben Überlebenden von S-21, wurde für das Buch interviewt. Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier hat das Vorwort verfasst.

Schädel in der buddhistischen Stupa. Ein Denkmal für die Morde in Choeung Ek, für die Opfer der Khmer Rouge, etwa 17 Kilometer südlich von Phnom Penh. Auf den so genannten Killing Fields exekutierte das Khmer-Rouge-Regime zwischen 1975 und 1979 über eine Million Menschen.

Schädel in der buddhistischen Stupa. Ein Denkmal für die Morde in Choeung Ek, für die Opfer der Khmer Rouge, etwa 17 Kilometer südlich von Phnom Penh. Auf den so genannten Killing Fields exekutierte das Khmer-Rouge-Regime zwischen 1975 und 1979 über eine Million Menschen. Foto: Ann-Christine Woehrl

Das Projekt »Shaded Memories« wird noch bis zum 17. September 2017 in einer Ausstellung im Museum Fünf Kontinente in München gezeigt. Die Ausstellung wurde in Kooperation mit dem Tuol Sleng Genocide Museum (S-21) realisiert und mit dem »Curator in Residence« Programm vom Auswärtigen Amt unterstützt. Sie wird parallel im Tuol Sleng Genocide Museum in Phnom Penh gezeigt.

 

Ann-Christine Woehrl
Shaded Memories
EDITION LAMMERHUBER, Februar 2017
22,5 × 27,5 cm
132 Seiten, 89 Fotos
Deutsch, Englisch
Hardcover mit aufkaschiertem Coverfoto
ISBN 978-3-903101-20-3
EUR 49,90